Los Angeles
Mauro Cerqueira, untitled, 2021, different materials, lecture from „Der Hüter der Herden“, Alberto Caeiro (Fernando Pessoa)
Mauro Cerqueira, untitled, 2021, different materials, lecture from „Der Hüter der Herden“, Alberto Caeiro (Fernando Pessoa)
Mauro Cerqueira, untitled, 2021, different materials, lecture from „Der Hüter der Herden“, Alberto Caeiro (Fernando Pessoa)
Mauro Cerqueira, untitled, 2021, different materials, lecture from „Der Hüter der Herden“, Alberto Caeiro (Fernando Pessoa)
Johanna Klingler, untitled (from the series works on stone-paper), 2021, watercolor, crayon, fat on stone-paper
Johanna Klingler, untitled (from the series works on stone-paper), 2021, watercolor, crayon, fat on stone-paper
Johanna Klingler, untitled (ears), part of the installation 12 we do lunch, 2021, cast aluminium and tinfoil
Birke Gorm, IOU, 2020, carved wood
Birke Gorm, IOU, 2020, carved wood
Birke Gorm, IOU, 2020, carved wood
Birke Gorm, some girls‘ mothers are bigger than other girls‘ mothers (04),(05), 2020, jute, aluminium, can-clips
Birke Gorm, some girls‘ mothers are bigger than other girls‘ mothers (04), 2020, jute, aluminium, can-clips
Birke Gorm, some girls‘ mothers are bigger than other girls‘ mothers (05), 2020, jute, aluminium, can-clips
Mauro Cerqueira, untitled, 2021, different materials, lecture from „Der Hüter der Herden“, Alberto Caeiro (Fernando Pessoa)

from the exhibition's text:

Minussechsundzwanzig zeigte das Thermometer im nordhessischen Winter 1956. Bis heute wurde es hier nicht mehr kälter, in Sontra nicht, wo man den Wert damals abgelesen hatte, und auch sonst nirgendwo, nicht in Eschwege und nicht in Günsterode. Der harte Boden des Landstrichs, auf welchem die Landwirte und Bäuerinnen bereits seit Jahrhunderten mühsam herumackerten, versprach für Monate noch steiniger und karger, noch schwieriger zu bewirtschaften zu werden.
Das Eis und die Kälte machte nicht nur dem Erdreich, sondern naturgemäß auch den Menschen zu schaffen. Und dennoch hätte die Stimmung bei Familie Feuerfrau im Winter `56 frostiger sein können.
Ein paar Jahre früher, der Krieg war noch nicht lange vorbei gewesen, hatte man sich bei Feuerfraus dazu entschlossen, wirtschaftlich etwas zu unternehmen. Für ein echtes Wagnis langten die Mittel nicht, aber eine gut fundierte Investition in die eigene Zukunft – und nicht nur das, in die Zukunft des kleinen nordhessischen Dorfes – sollte getätigt werden. Und so fasste man gemeinsam den Beschluss: eine Scheune soll gebaut werden!
Das Stückchen Land, ein kleines Bisschen außerhalb des Dorfes, schien nicht schlecht geeignet. Es gab Möglichkeiten den Bau zu finanzieren und wenn alle mitanpacken würden, wäre ein solches Gebäude - vier Wände, ein Dach, darunter ein Heuboden – doch auch schnell errichtet. Herr Feuerfrau hatte glücklicherweise nicht nur das Amt das Bürgermeisters inne, sondern fungierte zudem als Vorsitzender der lokalen Raiffeisen. Das garantierte ihm beinah sicher einen kleinen Kredit und versprach ihm in jedem Fall ein gutes Dutzend helfende Hände.
Scheunen sind Wirtschaftsgebäude, welche in der Regel als Speicher fungieren. Sie unterscheiden sich von Stallungen dahingehend, dass sie nicht für das Halten von Tieren gedacht sind, sondern als Lagerstätte für Dinge und Güter benutzt werden. In der Scheune, die oberdeutsch auch als Stadel, Schupfen oder Scheuer bezeichnet wird, im schweizerdeutsch Schüür benannt ist und im oberschwäbischen unter Schuir, Gade oder Schopf firmiert, sind Betriebsmittel wie Gerätschaften untergebracht, es finden aber auch Produktionsprozesse und Arbeitsschritte in ihr statt. In die Scheune kommt alles, was Landwirte benötigen (oder zu benötigen glauben) und wird dort oftmals auch gewartet, repariert und verarbeitet. Eine Scheune ist somit gebautes Potential, ist Raum und Platz in Reinform.
Für Familie Feuerfrau wandelte sich die Idee Scheune schnell von einer Projektionsfläche hin zu einem Produktionsraum. Und im Winter 1956, in dem aus draußen eben so kalt war, wie sonst noch nie gemessen, wärmte sie der Gedanke ein bisschen, dass in ihr verschiedenartige Güter und Gerätschaften vor den Witterungen geschützt waren. Und dass dem Bewirtschaften des manchmal störrischen Landes keine allzu große Zwangspause drohte, sobald der Frost seine eisigen Krallen aus dem Boden gezogen haben würde und stattdessen wieder Pflug und Rechen und schlussendlich auch das Saatgut dort hineingreifen können sollten. All die Werkzeuge und Samen und Düngemittel warteten gemeinsam in der Scheune auf mehr Sonnenstunden und damit auf ihren Einsatz.
Dass sie alle dort lagerten lag natürlich in erster Linie an der Existenz des Gebäudes selbst. Ohne Gade kein Stadel. Aber ihr Dasein war eben auch in der Raiffeisen begründet. In diesem Netzwerk bekamen die Landwirt*innen gemeinsam bessere Preise beim Einkauf. Und sie erzielten höhere Werte und erreichten eine größere Kundschaft beim Verkauf. Gemeinsam konnten sie sich Werk- und Nutzfahrzeuge anschaffen, die sich der und die Einzelne nicht hätte leisten können oder deren Besitz sich lediglich für die eigene Ackerfläche nicht gelohnt hätte. Und so war die Scheune der Feuerfraus, wie unzählige andere auch, eben nicht nur ein Raum für die Unternehmungen der Familie selbst, sondern eine Grundlage für gedeckte Tische in vielen Häusern des Dorfes.
Die besagte Feuerfrausche Scheune ist mittlerweile rund 70 Jahre alt. Aber an ihrer Form und Facon hat sich seit dem Rekordwinter nicht viel verändert. Vier Wände, ein Dach, darunter ein Heuboden. Was aber passiert in diesem Raum, was geschieht mit dem vorhandenen Potential? Kann es als solches in einer maßlos veränderten Welt erkannt und genutzt werden, auch gerade in einem Dorf wie dasjenige der Feuerfraus, in welchem kaum noch jemand von der Landwirtschaft lebt, während quasi vollautomatisierte Großbetriebe Kornsilos und Discounterregale füllen?
Dieser und vielen weiteren Fragen, welche ganz unbedingt inmitten einer Scheune stehend gestellt und diskutiert werden sollten, widmet sich die erste Barnale di Günsterode.